16.06.2008

Fußballfieber

Die EM ist in vollem Gang und jetzt kommt fast jeden Abend ein Spiel der Extraklasse. Heute Abend hat Deutschland in Wien gegen Österreich gewonnen. Im Vorfeld wurde auf österreichischer Seite immer wieder an das "Wunder von Córdoba" erinnert. Damals, im Argentinischen Córdoba, hatte die österreichische Mannschaft im letzten Gruppenspiel den amtierenden Weltmeister Deutschland mit einem 3:2 aus dem Turnier geworfen. Das war 1978. Ein Jahr später wurde ich geboren und hatte lange Zeit überhaupt keine Ahnung von Fußball.
Die WM 1990 in Italien war das erste große Turnier, dass ich bewusst miterlebt habe. Wir lebten zu der Zeit mit der Familie in Singapur und ich habe es in lebhafter Erinnerung, wie wir abends zu Bett gingen um dann - wegen der Zeitverschiebung - um 1:00 Nachts aufzustehen um die Spiele zu sehen. Obwohl wir damals ein Paniniheft mit Fußballaufklebern hatten und so alle Spielernamen auswendig konnten, durften wir erst ab dem Viertelfinale die Spiele der Deutschen Mannschaft schauen. So weiß ich noch heute, wie der holländische Spieler Frank Rijkaard Rudi Völler anspuckte und beide mit einer Roten Karte vom Platz gestellt wurden. Ich erinnere mich an das spannende 11 Meter schießen im Halbfinale gegen England und Köpkes überragende Paraden. Und natürlich habe ich immer noch den Strafstoß vor Augen, den Andi Breme im Finale gegen Maradonas Argentinien sicher verwandelte. Das war bisher das letzte Mal, dass eine deutsche Mannschaft den goldenen FIFA-Pokal überreicht bekam. Und es war meine erste und eindrücklichste Fußballweltmeisterschaft.
Bei der EM 1992 waren wir wieder in Deutschland angekommen. Das Finale Deutschland gegen Dänemark (0:2) sahen wir bei unseren Freunden in Lemgo. Ich fand es eher langweilig. "Ach, die kannst du doch alle in die Tonne treten" war bei den Erwachsenen der Spruch des Abends. Mir wurde klar, dass Deutschland mindestens so viele Nationaltrainer wie Zuschauer hat.
Bei der WM 94 in den USA flog Effenberg wegen seinem Stinkefinger im Gruppenspiel gegen Südkorea aus der Mannschaft. Im Viertelfinale flog dann die gesamte Mannschaft von Berti Vogts aus dem Wettkampf. Deutschland verlor mit 2:1 gegen die Bulgaren durch das Kopfballtor von Jordan Letschkow. Damit war der amtierende Weltmeister ausgeschieden und ich ärgerte mich, dass Vogts immer noch Trainer der Nationalmannschaft war.
In England 1996 schlug Deutschland die Tschechen im Finale durch ein Golden Goal von Oliver Bierhoff in der Verlängerung. Der Song der EM war "football is coming home" und Vogts brachte den EM Pokal nach Deutschland.
Die WM 1998 in Frankreich, war eher enttäuschend. Ich war im Sommer das erste mal als Mitarbeiter auf einer Kinder-Ferienfreizeit vom CVJM-Lemgo dabei. Wir hatten einen großen Fernseher aufgebaut und mit ca. 40 enttäuschten Kindern gesehen, wie Kroatien die deutsche Elf im Viertelfinale mit 3:0 aus dem Turnier warf.
Der EM 2000 in Holland und Belgien schenkte ich keine große Aufmerksamkeit. Deutschland gewann kein einziges Spiel und kam über die Gruppenphase nicht hinaus. Europameister wurde der amtierende Weltmeister Frankreich.
2002 schaffte Rudi Völler in Japan überraschend den Einzug ins WM-Finale. Deutschland musste sich Brasilien geschlagen geben und Rudi Völler blieb in meinen Augen zwar einer der beliebtesten Bundestrainer ("Ein Rudi Völler! Es gibt nur ein´Rudi Völler") aber gleichzeitig auch der inkompetenteste - sorry, musste mal gesagt werden.
2004 gewann Völler bei der EM in Portugal nicht ein Spiel und verabschiedete sich als Trainer. Dem mitlerweile 70 jährigen Otto Rehagel gelang damals mit den Griechen ein kleines Wunder. Sie wurden im Endspiel gegen Portugal mit 1:0 Europameister.
2006 war das WM Jahr in Deutschland und endlich gab es mit Jürgen Klinsmann auch wieder einen Trainer, der nicht nur ein guter Fußballer war, sondern fachliche sportliche und soziale Kompetenz in die Trainerarbeit der Nationalmannschaft brachte. Der 3. Platz fühlte sich beinahe ebenso gut an wie der Titel, weil die deutsche Mannschaft begeisternden Fußball spielte und am Ende des Turniers in Stuttgart Portugal verdient mit 3:1 schlug. "Zu Gast bei Freunden!"
Nun stehen wir im Viertelfinale und müssen gegen die sehr starke Mannschaft aus Portugal bestehen. Der Geist der WM ist noch nicht im deutschen Spiel eingekehrt. Jogi Löw ist nicht Jürgen Klinsmann, auch wenn der Mann seinen Job gut macht. Die Mannschaft hat nicht die Klasse wie Portugal oder die Niederlande. Es bleibt spannend und es darf mitgefiebert werden. Auf eine weiter großartige EM. Fußballfieberallarm!
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michael